Vom "Schöpfkellenfleisch" zum "Glosafleisch"

 

 

 

Christa und Willi Steger, Riedlhütte                                                                     21. März 2010

 

 

Zur Geschichte des „Schöpfkellenfleisches“

 

(Kellenfleisch, Glasmacherfleisch, Schmelzerfleisch)

 

Der Wald zwischen Rachel und Lusen war bis 1350 ein unbewohnter Urwald. 1366 ließ Kaiser Karl IV. den Säumerweg zwischen Bergreichen-stein und Grafenau errichten, die so genannte “Guldenstraß“ oder “Goldener Steig“.

An diesem Handeissteig wurden von den bayerischen Herzögen in Erbrecht die Glashüttengüter Schönau (1470), Spiegelau (1421) und Riedlhütte gegründet. Das genaue Gründungsdatum von Riedlhütte ist unbekannt. Da aber dieses Glashüttengut direkt an den “Goldenen Steig“ angrenzte, ist sicherlich als Gründungsjahr 1420 anzunehmen. Erste Erwähnung in den Urkunden der Glashütte Riedlhütte finden wir 1450, anlässlich Überfällen aus Böhmen.

Mit dem Bau des “Goldenen Steiges“ konnten die Glaswaren nach Prag und nach Süden transportiert werden. Die Glashüttengüter waren aufgrund ihrer Größe autark, alle Rohstoffe, wie Pottasche, Quarz und Holz waren vorhanden, bzw. konnten selbst hergestellt werden, nur Kalk musste aus Böhmen oder aus der Donauebene in den Wald transportiert werden.

Die primitiven Glasschmelzöfen der damaligen Zeit erreichten nur eine niedrige Schmelztemperatur, so dass die Schmelze des grünen Waldglases mehr als 30 Stunden benötigte.

Der Glasschmelzer war einer der wichtigsten Personen in der Hüttenfamilie, von ihm hing das Gelingen einer guten Glasproduktion ab. Die Hüttenherren hatten in ihrem großen Waldgut auch das niedrige Jagdrecht, somit war beim Hüttenherrn und auch beim Schmelzer Fleisch nicht unbedingt Mangelware.

Da der Glasschmelzer während der Schmelzperiode fast immer in der Hütte anwesend sein musste, ist anzunehmen, dass er auch dort seine Schlafstelle hatte und sich dort auch sein Essen zubereitete. Feuerstellen waren genügend vorhanden, z. B. der Temperofen, der Fritteofen und der Glasschmelzofen. Es ist anzunehmen, dass der Glasschmelzer mit seinen Schürgehilfen Wildbret in den gusseisernen Schöpfkellen, die zum Aus- und Umschöpfen des Glases aus den Häfen benötigt wurden, zubereitete. (Wie wir aus Erzählungen wissen, sind auch so manche wild laufende Katze, Auer- und Birkhühner auf diese Weise in der Schöpfkelle geendet!) Dieser Glasschmelzerbrauch hat sich in der Glashütte Riedlhütte bis Mitte des vorigen Jahrhunderts erhalten. Nach jedem Hafeneintragen, einer schweißtriefenden Arbeit, wurde Fleisch. das drei Tage vorher in einer besonderen Beize gelegen hatte, in der rot-glühenden Schöpfkelle zubereitetSicherlich ist auch in den anderen Hütten im Bayerischen Wald, in der Oberpfalz und im übrigen Deutschland Fleisch im Temperofen, in den Kühlöfen und Kühlbändern gebraten worden, aber das typische “Schöpfkellenfleisch“ hat seine geschichtliche Tradition in Riedlhütte.

Ich kam 1959 als “frisch gebackener“ Glashüttentechniker in die Glasfabrik Riedlhütte und wurde gleich zum nächsten Hafeneintragen eingeteilt. Und, wie es der Brauch war, durfte ich auch am anschließenden “Schöpflellenfleisch“-Essen teilnehmen, nachdem ich das “Einstandsbier“ gestiftet hatte.

Das Rezept für das “Schöpfkellenfleisch“ war ebenso ein Geheimnis des Schmelzers, wie die einzelnen Glasschmelzrezepturen. Aber nach längerer Zeit, nachdem auch der Schmelzer gemerkt hatte, dass ich einer von ihnen war, durfte ich mir das Rezept aufschreiben.

Mit dem Beginn einer gezielten Glasmacherausbildung in Riedlhütte 1965, wurden die Freisprechungen in der Glashütte vorgenommen und den jungen Glasmachern und den Ehrengästen wurde das schmackhafte“Schöpfkellenfleisch“ aufgetischt.

Anlässlich des 65. Geburtstages des Seniorchefs der Glasfabrik Riedlhütte, Herrn Anton Frank, wurde ein großes Hüttenfest arrangiert und zum ersten Mal für die Gäste und die große Hüttenfamilie das “Schöpfkellenfleisch“ im großen Stil zubereitet und serviert.

Das Rezept für diese Glasmacherspezialität wurde vom Glasschmelzer den Gästen vorgetragen - der Schmelzer hat also sein “Geheimnis“ offiziell gelüftet.

Ab diesem Zeitpunkt wurden in der Glasfabrik Riedlhütte Hüttenfeste inszeniert und das “Schöpfkellenfleisch“ war fester Bestandteil dieser Feiern.

Bei den Hüttenfesten wurden längst vergessene Glasmacherbräuche zu neuem Leben erweckt und neues Brauchtum erfunden.

Die Hüttenfeste von Riedlhütte mit der Zubereitung des “Schöpfkellenfleisches“ und vor allem das wieder erstandene Glasmacherbrauchtum, wurden von vielen Glashütten im Bayerischen Wald kopiert und übernommen, aber das “Schöpfkellenfleisch“ ist und bleibt eine überlieferte Spezialität der Glasschmelzer und Glasmacher aus Riedlhütte.

Mit Einführung des “Glosafestes“ in Riedlhütte, Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich für das “Schöpfkellenfleisch“ zusätzlich der Name “Glosafleisch“ eingebürgert und durchgesetzt.